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Leseprobe
Mittwoch abend kamen wir nicht zum Telefonieren. Weihnachtsfeier
der Redaktion. Fritjof war mal wieder in Terminschwierigkeiten und hatte
sie deshalb schon auf den 24. November angesetzt. Früher Vogel
fängt den Wurm. Er hatte alle eingeladen, sich auf seine Kosten
den Bauch vollzuschlagen und zu diesem Zweck ein ganzes Kellerrestaurant
angemietet. In der Redaktion war deshalb den ganzen Tag Schmalhans Küchenmeister.
Alle hungerten, um Fritjof richtig zu schröpfen. Die Mikrowelle
in der Teeküche war völlig verwaist.
Gegen halb acht saßen knapp dreißig aufgebrezelte Redakteure,
Volontäre und Praktikanten um den großen Tisch und warteten
auf Fritjof. Das war das einzige, das er und ich gemeinsam hatten: Wir
kamen beide ständig zu spät. Mit dem Unterschied, daß
Fritjof prominent war und ich nicht. Auf ihn wartete man Stunden, wenn
es sein mußte. Das hätte ich mir nie erlauben können.
An diesem Abend trieb er es auf die Spitze: Statt um acht kam er um
kurz nach zehn. Zu diesem Zeitpunkt waren alle schon besoffen. An irgendwas
hatten wir uns ja halten müssen. Ohne Fritjof kein Menü, aber
dafür eine Karaffe Wein nach der anderen. Immer rein damit, und
das auf nüchternen Magen. Die Folgen kann man sich denken. Obwohl
Eske und ich Fritjof gar nicht so gut leiden konnten, waren wir schwer
begeistert, als er endlich eintraf. Er wurde grölend empfangen
und hielt eine Rede, die vor lauter knurrenden Mägen kaum zu verstehen
war.
Fritjof war ein Gesundheitsfanatiker. In seiner Ansprache hielt er uns
hauptsächlich an, daß wir auf unsere Ernährung achten
sollten, damit wir im nächsten Jahr genau so für ihn schuften
könnten wie im vergangenen. Eske und ich tauschten vielsagende
Blicke, tranken darauf noch einen und steckten uns die nächste
Zigarette an. Fritjof konnte uns mal. Alle klatschten höflich und
freuten sich, daß es jetzt endlich etwas zu essen geben würde.
Zu früh gefreut. Bertram stand auf, ein neuer Kollege, der sich
sowas noch gar nicht erlauben konnte. Er räusperte sich und schickte
vorweg, er spräche "bestimmt im Namen der gesamten Redaktion",
wenn er jetzt sagte, wieviel Spaß wir alle hätten und wie
glücklich wir uns schätzen könnten, für jemanden
wie Fritjof zu arbeiten. Eske und ich räusperten uns auch. Wie
frech war das denn bitte schön. Valerie verzog das Gesicht und
fixierte mit hochgezogenen Augenbrauen gelangweilt ihre Fingernägel.
"Schleimscheißer", zischte sie.Eske und ich nickten
zustimmend. Silke bewegte ihre Lippen. "Arschfickerlehrling",
konnte ich daraus lesen.
Alle anderen guckten betreten auf dem Tisch herum. Es war ein verdammt
hartes Jahr gewesen, und von Spaß konnte gar keine Rede sein,
jedenfalls von keinem, für den man sich auch noch bedanken mußte.
Die Lage entspannte sich erst wieder, als das Essen kam. Alle hauten
ordentlich rein, schon allein aus Trotz, schließlich war Essen
nach zehn besonders ungesund, aber das hatte Fritjof ja wohl selbst
zu verantworten. Nach dem Essen wurde die Stimmung immer ausgelassener.
Die Sitzordnung lockerte sich, man flatterte hierhin und dorthin. Der
allgemeine Betrunkenheitsgrad stieg unaufhörlich.
Insbesondere Bärbel war außer Rand und Band. Sie schmiß
sich allen Kerlen an den Hals. Jedem Mann, der in ihre Nähe kam,
schlang sie ihre Federboa um den Hals und gurrte. Ein starkes Stück.
Valerie saß ihr gegenüber und lästerte lauthals. Bärbel
schnitt das überhaupt nicht mit, wohl aber Eske und ich. Hajo,
der Redaktionsleiter, flüchtete vor ihr schließlich zu uns,
und die Katastrophe nahm ihren Lauf.
Eske begann, Intimitäten aus meiner letzten Gehaltsverhandlung
vor ihm auszubreiten. Es war nicht zu fassen. Ich stieß ihr unter
dem Tisch mit dem Stiefel ans Schienbein. "Aua", keifte sie,
"brauchst mich gar nicht so zu treten!" Oh Herr, laß
Hirn vom Himmel. Ich grinste gequält und versuchte, das Thema zu
wechseln. Hajo fand das derzeitige allerdings interessant und bat Eske
um weitere Informationen, die sie eigentlich gar nicht wissen durfte.
Ich betrachtete mich als gekündigt. Es war soweit. Der soziale
Abstieg!
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