Die Prinzessin und der Horst
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Leseprobe

Um halb drei stand Lukas vor der Tür und überredete mich dazu, mit ihm auf den Weihnachtsmarkt zu gehen.


Lukas war definitiv ein Psycho. Ich hatte ihn während meiner Schichten im Familieneck getroffen. Erst fand ich ihn irgendwie sexy, hauptsächlich wegen seiner Narbe im Gesicht. Auf sowas stand ich. Mit der Zeit stellte sich allerdings heraus, daß er immens gestört war. Beziehungsunfähig, egoman, unzuverlässig und streckenweise so großkotzig, daß einem schlecht werden konnte.
Trotzdem, irgendwie zogen wir uns an. Einmal waren wir kurz davor gewesen, etwas miteinander anzufangen, aber wir hatten rechtzeitig die Notbremse gezogen. Glück gehabt. Lukas konnte mich auf die Palme bringen wie kein anderer. Wenn wir zusammen ausgingen, ätzten wir uns oft dermaßen an, daß wir uns hinterher genervt gegenübersaßen und kein Wort mehr miteinander sprachen. Trotzdem taten wir es immer wieder. Auch an diesem Sonntag.


Ich hatte keine Lust, mich zu langweilen und auf Niels zu warten, also stimmte ich zu. Weihnachtsmarkt. Warum auch nicht. Gemeinsam riefen wir Jan an. Er war derjenige, den Eske und ich als einzigen Mann in unserem Bekanntenkreis außer Crispin für psychisch stabil hielten. Und für unsexy. Deshalb kam ein Techtelmechtel mit ihm auch für Eske nicht in Frage. Aber Jans Freundschaft war mir wirklich wichtig. Wir berieten uns in Sachen Beziehung und eröffneten uns gegenseitig jene Einsichten ins andere Geschlecht, die uns sonst verwehrt geblieben wären. Harry und Sally ohne Bettgeschichte, Freunde fürs Leben. Es funktionierte eben doch. Ich liebte Jan wirklich.
Außer wenn er sich mit Lukas verbrüderte und die beiden gemeinsam auf mir rumhackten, wie an diesem Nachmittag. Ich ärgerte mich dann jedesmal, daß ich sie überhaupt miteinander bekannt gemacht hatte. Letztendlich war ich die Leidtragende. Jetzt standen sie am Glühweinstand um mich herum, versuchten, mich betrunken zu machen und rissen Witze auf meine Kosten. Niels hatte mir soeben zu verstehen gegeben, daß er jetzt losfahren würde. Ich freute mich wie ein Kind und war gleichzeitig so nervös, daß ich meinen Glühwein auf dem Stehtisch verschüttete.


"Paß doch auf", zickte Lukas mich an und zog seine Handschuhe aus der Pfütze.
"Mona ist verlie-hiebt, Mona ist verlie-hiebt", sang Jan und legte den Arm um mich.
Ich schüttelte ihn ab und zog die Schultern hoch. "Das ist überhaupt nicht witzig."
Lukas roch sofort Lunte. "Wie - verliebt?"
"Mona ist verlie-hiebt", machte Jan wieder.
Lukas lachte sein fieses Besserwisserlachen, und Jan gab unaufgefordert den Teil der Geschichte zum Besten, den er kannte. Es war nur ein kleiner Teil, weil ich noch nicht dazu gekommen war, ihm die Einzelheiten auseinanderzusetzen, deshalb klang das Ganze ziemlich lächerlich.
Lukas machte sofort einen auf moralisch. "Mona, wenn Du für sowas Crispin abschießt, rede ich nie wieder ein Wort mit Dir. Dann ist Dir wirklich nicht mehr zu helfen", belehrte er mich.
Ich hatte langsam die Schnauze voll davon, daß alle immer zuerst an Crispin dachten. Karo hatte mir deshalb am Tag zuvor auch schon wieder die Hölle heißgemacht. Alle dachten an Crispin, aber niemand peilte, daß auch ich bis zu den Ohren in der Scheiße steckte. Für mich hatte niemand Verständnis. Ich ging sofort in die Luft. "Weißt Du was, Lukas? Du hast doch von sowas überhaupt keine Ahnung", fuhr ich ihn an. "Verfatz Dich. Echt."
"Was sind wir empfindlich", wunderte sich Lukas und äffte mich nach.
Ich haßte ihn dafür.


Jan versuchte, mich zu beruhigen. "Es wird schon alles gut", sagte er beschwichtigend, strich mir über die Wange und gab Lukas durch Blicke zu verstehen, daß er lieber vorsichtig sein sollte. "Frauen", bemerkte er noch.


Er meinte es bestimmt gut, aber das brachte das Faß zum Überlaufen. Ich war stinksauer und drehte den beiden demonstrativ den Rücken zu. Neben uns stand ein älteres schwules Paar. Kurze graue Haare, gepflegt, Harmonie pur. Bestimmt seit Jahrzehnten glücklich miteinander. Idylle. "Männer sind Scheiße", sagte ich zu ihnen und hob meinen Glühweinbecher. "Prost."
Die beiden grinsten und nickten verständnisvoll.
"Eine Frau zwischen zwei Männern", bemerkte Lukas erklärend und zog eine Grimasse.
Er machte sich eindeutig über mich lustig und benutzte dazu auch noch meine Worte. Blasphemie.
Die beiden Schwulen guckten neugierig.
"Ich möchte nicht darüber sprechen", sagte ich zu ihnen.


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